Ein Bezirk wacht auf

 

Friedrichshain-Kreuzberg zeigt: Verkehrswende geht. Und er zeigt, wo sie beginnt: In der Verwaltung. Denn wo ein Wille, da ein Radweg. Von Lisa Feitsch.

 

Ein Vater mit zwei Kindern im Lastenrad. Junge Frauen auf Rennrädern. Ein Mann in Sportjacke und mit Satteltaschen. Studierende mit Rucksack. Eine Frau in Blazer und High-Heels. Junge Männer mit Vollbart. Ob Oberbaumbrücke, Skalitzer Straße oder Frankfurter Allee: Stellt man sich für ein paar Minuten an den Straßenrand in Friedrichshain-Kreuzberg, sieht man überall dasselbe: Berlin fährt Rad.

Wirft man einen Blick auf die Zahlen des Modal Split der letzten Jahre, also darauf, welcher Anteil der Wege in Berlin mit welchem Verkehrsmittel zurückgelegt wird, zeigt sich auch hier: Von 2013 bis 2018 (letzter Erhebungszeitraum der Untersuchung „Mobilität in Städten“, 2019) wuchs der Anteil der Wege, den die Berlinerinnen und Berliner mit dem Fahrrad zurücklegten, von 13 auf 18 Prozent. Trend: steigend. Zum Vergleich: Der Anteil der mit dem Pkw zurückgelegten Wege sank um vier Punkte von 30 auf 26 Prozent.

Kaum jemand, der regelmäßig im Alltag mit dem Fahrrad unterwegs ist, kommt dabei an Friedrichshain-Kreuzberg vorbei. Denn der in der Fläche kleinste aller Berliner Bezirke liegt im Herzen der Stadt. Zahlreiche Bars, Restaurants und Clubs ziehen Touristen sowie Berliner*innen aus allen Bezirken an. Gleichzeitig ist Friedrichshain-Kreuzberg Hauptpulsader des Radverkehrs. Auf der wichtigen Ost-West-Route Hallesches Ufer – Skalitzer Straße – Schlesisches Tor – Oberbaumbrücke – Warschauer – Petersburger Straße schlängeln sich jährlich Millionen Radfahrende auf ihren täglichen Wegen durch die Stadt. Schon 2018 wurden an der automatischen Radverkehrszählstelle auf der Oberbaumbrücke mehr als 3,7 Millionen Radfahrende gezählt. Bis heute zählt die Strecke über die Oberbaumbrücke zu den am meisten von Radfahrenden genutzten Routen in Berlin. Eine ebenfalls wichtige Verbindungsroute von Osten kommend bildet die Achse Frankfurter Allee – Karl-Marx-Allee, auf der die Pendler*innen täglich von Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf zur Arbeit und Ausbildung in die anderen Bezirke unterwegs sind.

Seit 2006 wird Friedrichshain-Kreuzberg von den Grünen regiert. Die Verkehrspolitik jedoch war lange nicht grün gestaltet – und das, obwohl sich die Berliner Grünen den Klimaschutz seit jeher auf die Fahne schreiben und ihre Abgeordneten gerne damit auffallen, mit dem Fahrrad zu Terminen zu erscheinen. Friedrichshain-Kreuzberg war weit weg davon, das Fahrradparadies zu sein, von dem man meinte, es qua Bezirksregierung zu sein. Im Gegenteil: Planungstraditionen, Etatkürzungen oder politisches Desinteresse führten dazu, dass auch Friedrichshain-Kreuzberg in der Infra-struktur der autogerechten Stadt der 1970er Jahre steckenblieb. Enge Schutzstreifen für Radfahrende, wenn überhaupt vorhanden, ohne Schutz vor Falschparker*innen oder zu engem Überholen zeichnen das Straßenbild genauso wie die Wurzeln, die sich ihren Weg durch die viel zu schmalen, alten Hochbordradwege nach oben bohren und Radfahren auch jenseits der Fahrbahn holprig und unattraktiv machen.

Doch dann die Kehrtwende. Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin seit 2013 und dafür bekannt, selbst mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, sagt: Auch sie als Grüne hätten das Thema Radverkehr politisch lange nicht auf dem Schirm gehabt (siehe Interview). Spätestens mit Florian Schmidt kommt 2016 aber nicht nur ein Verkehrsstadtrat ins Amt, der sich leidenschaftlich und engagiert für die Verkehrswende einsetzt, auch Bezirksbürgermeisterin Herrmann erkennt die Dringlichkeit des Themas Radverkehr und erklärt die Verkehrspolitik des Bezirks zur Chefinnensache.

Dann kommt der Sommer 2018. Das Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet das Mobilitätsgesetz. Zwei Jahre zuvor unterschrieben mehr als 105.400 Menschen den „Volksentscheid Fahrrad“. Damit forderten die Menschen Berlin dazu auf, zu einer Stadt zu werden, in der Fahrradfahren für Klein und Groß sicher und komfortabel möglich ist, in der die Mobilität klimafreundlich gestaltet wird und niemand mehr im Verkehr zu Tode kommt. Mit Hilfe der Zivilgesellschaft gießt die Stadt die Bedürfnisse seiner Bewohnerinnen und Bewohner in ein Gesetz. Das erste Mobilitätsgesetz Deutschlands ist geboren. Spätestens jetzt macht Friedrichshain-Kreuzberg ernst. Das Bezirksamt bemüht sich erfolgreich um neue Radverkehrsplaner*innen. Der Bezirk steht an der Spitze bei der Abschöpfung der vom Senat für den Radverkehr zur Verfügung gestellten Mittel. Mit Felix Weisbrich kommt Anfang 2019 ein neuer Chef ins Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks, der, wie spätestens die Corona-Krise zeigt, einen Haufen radfreundlicher Ideen mitbringt. Die Pop-Up-Radwege, eingerichtet während der Gesundheitskrise zum Abstandhalten, machen Weisbrichs Ideen über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. „Wer Radwege sät, wird Radverkehr ernten. So einfach ist das“, sagt er mitten in der Gesundheitskrise am 28. April der Berliner Zeitung. Heute ist klar: Die Radwege bleiben und ziehen ihre Kreise. Vielleicht auch die anderen Ideen aus dem Bezirk: modale Filter, um den Durchgangsverkehr zu regulieren, eine Fahrrad-Abstellbügel-Offensive in Zusammenarbeit mit FixMyBerlin, temporäre Spielstraßen und vorübergehend eingerichtete Gastronomieflächen auf Parkplätzen während Corona. Denkt der Bezirk den öffentlichen Raum jetzt komplett neu?

In Friedrichshain-Kreuzberg leben rund 290.000 Menschen. Es ist der Bezirk mit der höchsten Anzahl an Einwohner*innen pro Quadratkilometer. Die hier lebenden Menschen leben nicht nur am dichtesten beisammen, sie weichen auch in ihrem Mobilitätsverhalten vom Berliner Durchschnitt ab: Mehr als 62 Prozent der Haushalte im Bezirk besitzen kein eigenes Auto (zum Vergleich: in gesamt Berlin sind es 43 Prozent). Dafür besitzen 77 Prozent aller Menschen im Bezirk ein Rad, damit mehr als der Gesamt-Berliner Durchschnitt.

Wo bereits Wenige ein Auto besitzen, wird soziale Teilhabe und Fortbewegung mit dem Rad und dem öffentlichen Nahverkehr bestritten. Wo die Meisten mit dem Rad unterwegs sind, ist sichere Radinfrastruktur besonders dringlich. Doch Klimakrise und Stadtplanung zeigen: Statt nur dem wachsenden Radverkehr hinterherzubauen, braucht es attraktive Angebote, die die Menschen einladen: Platz für den wachsenden Radverkehr, Platz zum Wohnen, Spielen, für Bewegung und Gemeinschaft. Kaum woanders als dort, wo so viele Menschen auf so wenig Raum miteinander leben, ist die Vision der lebenswerten Stadt greifbarer: sichere Straßen, Straßencafés, grüne Kiezgärten oder Begegnungsorte für Senior*innen und Zugezogene – wo weniger Autos rumstehen, wird Fläche frei für Menschen. Statt nur davon zu träumen, krempelt Friedrichshain-Kreuzberg die Ärmel hoch und zeigt einmal mehr: Wo ein Wille, da ein Radweg.

 

Verwandte Themen

Aus den 70ern ins Jahr 2022: Vorsichtig optimistisch

In Steglitz-Zehlendorf gibt es Potential. Doch wird es genutzt? In unserer radzeit-Reportage nehmen wir den Bezirk im…

Pop-Up-Radweg an der Petersburger Straße

Pop-Up-Radwege: Gekommen, um zu bleiben

Pop-Up-Radwege bleiben bestehen. Von Lisa Feitsch.

Radweg mit Schlagloch und Baumwurzeln

Meldung von gefährlichen Radverkehrsanlagen

So melden Sie gefährliche Baustellen, Mängel und Hindernisse auf Radverkehrsanlagen - Wir zeigen, wie es funktioniert!

Im Westen erst mal nur Konzepte

Das Image von Charlottenburg-Wilmersdorf ist stark von Ku’damm und Tauentzien geprägt, der alten City-West. Für…

Mit Lastenrädern mehr als 16 Mal um die Erde

Wie aus einer verwegenen Idee im ADFC Berlin rund 200 freie fLotte-Lastenräder für die ganze Stadt wurden. Ein…

ADFC Berlin befragt Neumitglieder: Mehr Pop-Up-Radwege, bitte!

Wir haben unsere neuen Mitglieder befragt! Knapp 330 Menschen haben uns gesagt, was sie sich von uns als Verband und von…

Bild einer Tagung des FahrRats in Berlin

FahrRäte in Berlin

FahrRat – was ist das denn?

Kein Schreibfehler, sondern eine Form der institutionalisierten Zusammenarbeit von Politik,…

Radweg am Flughafen Kopenhagen

ADFC fordert Anbindung des Flughafens BER ans Radverkehrsnetz

Während moderne Flughäfen – wie in Amsterdam, Frankfurt oder Kopenhagen – ganz selbstverständlich an das Radwegenetz der…

„Ich kann nur empfehlen, sich etwas zu trauen!“ - Monika Herrmann im Interview

Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, im radzeit-Interview über die neuen…

https://berlin.adfc.de/artikel/ein-bezirk-wacht-auf-1-1

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 200.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

    weiterlesen

  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

    weiterlesen

  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

    weiterlesen

  • Worauf sollte ich als Radfahrer*in achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

    weiterlesen

  • Was ist der Unterschied zwischen Pedelecs und E-Bikes?

    Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben. Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle. Dennoch wird der Begriff E-Bike oft benutzt, obwohl eigentlich Pedelecs gemeint sind – rein rechtlich gibt es große Unterschiede zwischen Pedelecs und E-Bikes.

    weiterlesen

  • Gibt es vom ADFC empfohlene Radtouren für meine Reiseplanung?

    Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich. Durch die Sterne erkennen Sie auf einen Blick mit welcher Güte Sie bei den ADFC-Qualitätsradrouten rechnen können.

    weiterlesen

Bleiben Sie in Kontakt