Berlin protestiert gegen den Weiterbau der umstrittenen Stadtautobahn A100. © ADFC Berlin / Lisa Feitsch

Radnetz ausrollen: Kilometer statt Meter machen!

 

Unter dem Motto, Berlin zur „Zukunftshauptstadt“ zu machen, trat die neue Berliner Landesregierung Ende 2021 den Auftrag der Berliner Bevölkerung an.

 

Auch in vielen Bezirken wurden in den vergangenen Monaten die Karten im Bereich Verkehr neu gemischt. Dem geht jahrzehntelanger Druck aus der Zivilgesellschaft voraus. Von Lisa Feitsch.

Steter Tropfen höhlt den Stein. Was lange währt, wird endlich gut. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Zeichnet sich erstmals in der Berliner Fahrradpolitik ab, wofür es so viele Sprichwörter gibt? Wer regelmäßig in der Stadt unter‐ wegs ist, der weiß: Vieles fehlt noch, vieles ist noch unfertig auf dem Weg zur Fahrradstadt. Wer Rad fährt, merkt überdeutlich, wo man von Autofahrenden zu eng überholt wird, wo Falschparker:innen Radwege blockieren, wo man ständig an Ampeln warten muss, weil die Grünphasen für Kfz-Geschwindigkeiten programmiert sind und wo man sich geradeaus fahrend auf dem Rad das grüne Licht schließlich mit rechtsabbiegenden Lkw-Fahrer:innen teilen muss. Wir folgen alten Markierungen, die mehr zu erahnen als zu sehen sind und holpern über schrecklich ungepflegte, durchwurzelte Radwege, die – oft nur handtuchbreit – dem wachsenden Radverkehr nicht mehr gerecht werden. Aufgepinselte Streifen zwingen den Radverkehr in den oft viel zu schnellen Autoverkehr, dem vielerorts mehrere Fahrstreifen zur Verfügung stehen, holprige Hochbordradwege drängen uns auf engsten Raum mit Fußgänger:innen. Stellenweise gibt es nicht einmal zu wenig, sondern schlichtweg überhaupt keinen Platz fürs Rad.

Doch wer regelmäßig Fahrrad fährt, dem fällt auch auf: Hier und da tut sich etwas. Zarte Radinfrastrukturpflänzchen pressen sich mühevoll aus dem Asphalt. Ein paar hundert Meter sichere Radwege kosten oft ebenso viel Anstrengung, wie ein keimendes Saatkorn im ausgedörrten Stadtboden zum Wachsen zu bringen. Umso größer ist die Freude, heute mit dem Rad auf (Teilen) der Hermannstraße in Neukölln unterwegs zu sein, in der Kantstraße (Charlottenburg-Wilmersdorf), der Bellermannstraße (Mitte), dem Tempelhofer Damm (Tempelhof) oder auf der Oberbaumbrücke (Friedrichshain-Kreuzberg). Oft sind es nur ein paar hundert Meter und somit Glückssache, ob man ein „gutes“ Stück Straße erwischt oder auf den üblichen ollen Wegen unterwegs ist – und trotzdem: Diese paar Meter sind die Vorbo‐ ten der Zukunftshauptstadt, von der die neue rot-grün-rote Landesregierung spricht.

 

Diesen Metern geht oft jahrelanges Drängen der Zivilgesellschaft voraus – wie etwa beim Tempelhofer Damm, für den der Radweg bereits 2017 von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen worden ist, erste Abschnitte jedoch erst im April 2022 fertiggestellt worden sind. Nach unzähligen Demonstrationen, Mahnwachen, steter Politik- und Öffentlichkeitsarbeit im Wahlkampf heißt es im Koalitionsvertrag im Kapitel „Mobilität“ (S. 60): „Die Koalition möchte, dass alle sicher mit dem Rad und zu Fuß unterwegs sein können. Die Koalition will den Radverkehrsplan und des Radverkehrsnetzes [sic] umsetzen. Bis zum Jahr 2026 soll die Realisierungdes Vorrangnetzes und geschützter Radinfrastruktur an Hauptstraßen erfolgen.“ Lange bemängelte der ADFC Berlin das Fehlen von verbindlichen Zielen und Meilensteinen für die Umsetzung des Radverkehrsnetzes. Das Nennen eines Termins ist schon mal ein Anfang. Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, für den die Berliner Zivilgesellschaft jahrelang gestritten hat und der nun im Koalitionsvertrag verankert wurde, ist die Verlagerung der „Zuständigkeit für Planung, Bau und Instandhaltung der Hauptverkehrsstraßen für den gesamten Querschnitt“ von der Bezirks- auf die Landesebene (Kapitel „Verwaltung“, S. 133). Es war und ist eine zentrale Forderung des ADFC Berlin, den Zuständigkeitswirrwarr der dreizehn Berliner Verkehrsverwaltungen zu beenden. Mit einer neuen Projekteinheit soll der (Aus-)Bau von Busspuren und Radwegen beschleunigt werden.

„Wir begrüßen die Gründung der neuen Projekteinheit für den Busspurund Radwegeausbau und erwarten, dass diese auch mit ausreichend Geld und Personal ausgestattet wird, um ihre Ziele tatsächlich zu erreichen. Damit der Radverkehrsplan, der das Radnetz enthält, jetzt tatsächlich auf der Straße landet, muss es zügig weitergehen“, fordert Solveig Selzer, politische Referentin des ADFC Berlin. In Zukunft soll das Land für den gesamten Straßenquerschnitt von Hauptstraßen verantwortlich sein – also auch für Gehwege, Radwege, Busspuren und für die Sicherheit an Kreuzungen. Das lässt auf eine deutliche Beschleunigung der Verkehrswende hoffen. Der Koalitionsvertrag sieht unter anderem vor, Berlins Hauptverkehrsstraßen bis 2026 mit sicheren, geschützten Radwegen auszustatten – allein die Hauptstraßen ergeben jedoch schon rund 1.600 Kilometer. Innerhalb der ersten 100 Tage im Amt veröffentlichte die neue Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch erste mit den Bezirken abgesprochene Radwegeprojekte. In welcher Größenordnung geplant wird, ob Kilometer oder eher Meter, bleibt bisher offen. Die Bekenntnisse der Politiker:innen gehen in die richtige Richtung. Den Druck von unten braucht es weiterhin für die Realisierung der „Zukunftshauptstadt“. Denn auch dazu gibt es ein Sprichwort: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

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https://berlin.adfc.de/artikel/kilometer-statt-meter-machen

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 200.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer*in achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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  • Was ist der Unterschied zwischen Pedelecs und E-Bikes?

    Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben. Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle. Dennoch wird der Begriff E-Bike oft benutzt, obwohl eigentlich Pedelecs gemeint sind – rein rechtlich gibt es große Unterschiede zwischen Pedelecs und E-Bikes.

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  • Gibt es vom ADFC empfohlene Radtouren für meine Reiseplanung?

    Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich. Durch die Sterne erkennen Sie auf einen Blick mit welcher Güte Sie bei den ADFC-Qualitätsradrouten rechnen können.

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