Für zehn getötete Radfahrende haben wir letztes Jahr Geisterräder aufstellen müssen. Das sind zehn zu viel. © ADFC Berlin / Carolina Mazza

Auf dem Weg zur Vision Zero: Sicherheit vor Flüssigkeit

Zum weltweiten „Ride of Silence“-Aktionstag am dritten Mittwoch im Mai erinnern wir jedes Jahr an die im Straßenverkehr getöteten Radfahrer:innen und demonstrieren für mehr Verkehrssicherheit. Von Solveig Selzer.

Dafür kleiden wir uns weiß und fahren schweigend als Fahrraddemonstration einige jener Orte ab, an denen wir in den vergangenen Monaten nach dem Tod von Menschen auf dem Rad weiße Geisterräder aufstellen mussten. Auch in diesem Jahr muss der ADFC Berlin für mehr Verkehrssicherheit mahnen.

Im Jahr 2022 mussten wir bereits drei Geisterräder für drei im Berliner Straßenverkehr getötete Radfahrer:innen aufstellen. Am 9. Februar wurde eine 81-jährige Radfahrerin von einem Sattelschlepper erfasst, dessen 27-jähriger Fahrer aus dem Grundstück Saargemünder Straße 25 in Dahlem ausfuhr und ihr die Vorfahrt nahm. Am 24. Februar wurde ein 57-jähriger Fahrradkurier an der Kreuzung Wilhelmstraße/Unter den Linden von einem 27-Jährigen im Pkw gerammt. Am 23. März verstarb ein 71-jähriger Radfahrer, der fünf Tage zuvor an der Falckensteinstraße/Schlesischen Straße mit dem Transporter eines 41-Jährigen kollidierte. Drei Unfälle – sechs Menschen.

Hunderte Freund:innen, Kolleg:innen, Angehörige. Hinter all den Zahlen stehen Schicksale von Menschen, deren Leben von einem auf den anderen Tag endet oder sich drastisch ändert. Im Februar 2022 veröffentlichte die Polizei Berlin ihre Verkehrsunfallstatistik für das Jahr 2021. Bei mindestens 127.626 Verkehrsunfällen hatte Berlin 14.742 Verletzte und 40 Verkehrstote zu beklagen. Das sind insgesamt 1.340 Unfälle mehr als im Vorjahr und zehn Tote weniger als letztes Jahr. Die Zahl der verletzten und getöteten Radfahrer:innen ist etwas gesunken: Die Polizei führt in ihrer Statistik für das Jahr 2021 4.049 leicht- und 605 schwerverletzte sowie zehn getötete Radfahrer:innen auf. Hinter diesen Zahlen stehen nach wie vor viel zu viele betroffene Menschen.

Wie in den Jahren zuvor sind Fehler beim Abbiegen beiweitem die häufigste Ursache dafür, dass Radfahrende im Berliner Verkehr verletzt oder getötet werden: In 1.463 Fällen wurden Radfahrende durch fehlerhaft abbiegende Kfz-Lenker:innen geschädigt, in vier davon starben sie infolgedessen. Die zweithäufigste Unfallursache gegenüber Radfahrer:innen ist die Missachtung der Vorfahrt (447 Fälle), gefolgt von verkehrswidrigem Verhalten beim Ein- oder Aussteigen (417), Fehlern beim Einfahren in den fließenden Verkehr (353) und mangelndem Sicherheitsabstand (150). In den Vorbemerkungen zur Unfallstatistik führt die Polizei aus, Ziel der Analyse sei es, „Ansatzpunkte für geeignete Maßnahmen der Verkehrsunfallprävention und der Verkehrsüberwachung insbesondere bezogen auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden zu gewinnen […]“.

Doch alleine mit Appellen an das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden werden wir die Vision Zero nicht erreichen. Denn dieses ist in hohem Maße davon gelenkt, wie die Infrastruktur beschaffen ist. Die Fortführung des Belags der Geh- und Radwege an Grundstückszufahrten kann deutlicher machen, dass die zu Fuß Gehenden und Radfahrenden hier Vorrang haben. Über ein sogenanntes Kissen oder eine Schwelle auf der Fahrbahn fährt sehr bald kaum noch jemand schneller, als es diese erlauben. Um einen engen Kurvenradius fährt man automatisch langsamer und aufmerksamer. Und wenn der der rechtsabbiegende Kfz-Verkehr getrennt vom geradeaus fahrenden Radverkehr Grün signalisiert bekommt, werden Abbiegefehler vermieden. All dies sindBeispiele für Infrastrukturänderungen, die helfen können, die Zahl der Unfälle in Berlin zu reduzieren. „Unsere Forderung, dass im Verkehr Sicherheit vor der Flüssigkeit des motorisierten Verkehrs stehen muss, findet sich sowohl im Mobilitätsgesetz als auch im Koalitionsvertrag wieder.

Es ist an der Zeit, dass sich dieser Grundsatz auch im Verwaltungshandeln niederschlägt und die Verkehrsinfrastruktur so neu- bzw. umgebaut wird, dass alle Menschen in Berlin ihre Wege sicher bewältigen können, egal mit welchem Verkehrsmittel sie unterwegs sind“, fordert SuSanne Grittner, die als stellvertretende Landesvorsitzende des ADFC Berlin für Verkehrssicherheit zuständig ist. Eine Maßnahme, die sowohl die Sicherheit als auch die Flüssigkeit des Verkehrs erhöht, ist die Einführung von Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit innerorts. Wir begrüßen, dass Berlin am 15. März einer Initiative von mehr als 100 Kommunen beigetreten ist.

Die Kommunen fordern vom Bundesverkehrsministerium, es ihnen zu ermöglichen, nach eigenem Ermessen flächendeckend Tempo 30 einzuführen, was bisher aufgrund des Bundesrechts nicht geht. Und nachdem das Verkehrssicherheitsprogramm 2020 in Berlin ohne Nachfolge ausgelaufen war, wird es nun auf Druck von und unter Beteiligung des ADFC Berlin fortgeschrieben. Doch für vielzu viele verletzte und getötete Radfahrer:innen kommen diese Maßnahmen zu spät. Um ihrer zu gedenken und unserer Forderung nach mehr Sicherheit im Straßenverkehr Nachdruck zu verleihen, veranstalteten wir am 18. Mai erneut den Ride of Silence. Dabei fuhren wir gemeinsam zu einigen der im letzten Jahr aufgestellten Geisterräder, weiß gekleidet und schweigend. Danke an alle, die mit uns für dieses wichtige Signal auf der Straße waren.

Alle Berichte zur Berliner Verkehrssicherheitslage sind hier auf den Seiten der Polizei Berlin zu finden.

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