Blick vom Domberg auf die kleine Hansestadt Havelberg

Garten für die Harten

 

Die BUGA ist ein guter Grund, durchs Havelland zu radeln – und dabei eher Urlaub als Ausflug. TEXT UND FOTOS: STEFAN JACOBS

 

Nur die Harten kommen in den Garten«, gehörte bisher zu den eher zweitklassigen Sprüchen. Aber nie traf er so zu wie für die Bundesgartenschau an der Havel: Die fünf Veranstaltungsorte verteilen sich auf gut 120 Radelkilometer, so dass die Tour eher ein Urlaub als ein Ausflug ist, wenn man alle erleben will. Von Brandenburg über Premnitz bis nach Rathenow entspricht die eigens erschaffene Buga-Route dem Havel-Radweg (Immer am blauen Band entlang). Jene ersten 70 Kilometer in Kürze: Von Brandenburg/Havel (mit allein drei Buga-Flächen) geht’s erst neben öder Ausfallstraße lang, dann ruhig durch den Wald mit Seeblicken. Von Plaue nach Havelsee bleibt für neun Kilometer nur die Landstraße, ebenso für den Abstecher nach Premnitz. Von dort geht es schnell entlang der B102 oder schön auf geschlängelten Wegen westlich der Havel nach Rathenow. Macht inklusive Anreise im chronisch vollen RE1 ab Berlin und ausgiebigem Buga-Bummel in den drei Städten fast zwei Tage. Wer nicht draußen schlafen will, muss das Quartier zur Buga vorab buchen.

 

In Rathenow trennt sich die Buga-Route vom Havel-Radweg: In einem Haken geht’s nordostwärts – erst neben der Straße, dann auf ihr. Später wird es idyllisch: Die Orte werden kleiner, die Blicke übers grüne Havelland immer weiter, der Verkehr dünner. Oft ist man mit einer Rinderherde allein; ein Wechsel aus Wäldchen, Wiesen und Feldern schafft Abwechslung. Die bekommen auch die Beine, wenn der vierte Buga-Ort Stölln naht: Der Weg zieht sich um den Gollenberg, der hoch genug für Otto Lilienthals Flugversuche war. Zum Erbe des Flugpioniers gehört auch der älteste Flughafen der Welt, der nur eine Graspiste ist. Auf der landete im Oktober 1989 eine Iljuschin-62 der DDR-»Interflug«, die nun als Attraktion und Standesamt dient – und als Magnet des wohl bescheidensten, aber zugleich idyllischsten Buga-Ortes. Wie Hangars sind die Beete um einen Rundweg über kargem Rasen an Stahlpfosten aufgehängt. Ein Kurzfilm erzählt vom »Verlust der Nacht«, die wegen der urbanen Lichtverschmutzung kaum noch so dunkel wird wie in dieser Gegend.
Astronomen haben das Westhavelland deshalb bereits offiziell zum »Sternenpark« ernannt. Ein weiteres Filmchen zeigt die abenteuerliche Landung der IL-62 auf der kurzen Graspiste. Und im Lilienthal-Zentrum im Ort wird klar, dass der Flugpionier nicht irgendein Verrückter, sondern ein brillanter Konstrukteur war.

Während es bisher nordwärts ging, wendet sich die Route nun westwärts Richtung Havelberg, dem einzigen Buga-Standort in Sachsen-Anhalt. Die waldfreien 30 Kilometer von Stölln dorthin können je nach Wind Qual oder pures Vergnügen sein. Hinter Rhinow quert die Route den durch sattgrüne Felder mäandernden Rhin. Neu betonierte Plattenwege ersparen die Tour über die stetig befahrene Landstraße in Richtung Landesgrenze zwar nicht komplett, aber reduzieren diesen unangenehmen Teil auf gut einen Kilometer. Hinter Strodehne sieht die Havel schon stattlich aus, wie sie in ihrem Bett in den Wiesen liegt. Noch ein Stück auf der Landstraße geht es nach Sachsen-Anhalt, aber dann trifft die Buga-Route wieder den separaten Havel-Radweg. Am Himmel schnattern Gänse, auf einer frisch gemähten Wiese staksen Störche fast im Dutzend auf der Suche nach Leckerbissen. Zwei Kraniche fliegen leider davon, bevor der nahe Beobachtungsstand erklommen ist. Weiter hinten scheint ein Ausflugsdampfer durch die Wiesen zu kriechen: Die Havel ist unsichtbar, aber nicht weit.

Havelberg ist einer dieser Orte, in denen man schon morgens sieht, wer mittags kommt: Weithin sichtbar ragt es mit seinem Dom aus der platten Landschaft. Bei Annäherung wird klar, dass das Städtchen an einem Hang hinterm Havelufer klebt.
Obendrauf sitzt der Dom aus jener Zeit, als sich Bischöfe und Markgrafen die Herrschaft übers heutige Brandenburg und darüber hinaus teilten. Er wirkt wegen seiner exponierten Lage noch mächtiger als der von Brandenburg. Und er ist zurzeit nur mit Buga-Ticket zu erreichen, weil rings um ihn die Blumenschau arrangiert ist – mit stillem »Mönchsgarten« und Spazierwegen mit Blick in die Ferne. Wobei das Auge wenig zum Festhalten hat; auch die Mündung der Havel in die Elbe ist von hier aus nicht zu erkennen, obwohl nur wenige Kilometer entfernt. Dafür die Kinder, die unten in der Havel baden – was durchaus erfreulich ist bei einem Fluss, der auf seinen mehr als 300 Kilometern von der Quelle bis hierher unter anderem die Spree geschluckt hat.
Wer mit dem Domberg anfängt, kann dann schön bergab rollen zum »Haus der Flüsse« (das allerdings schon 18 Uhr und damit vor der Buga schließt). Hier wird erklärt, wie die ansatzweise schon als Frachtschiffsautobahn hergerichtete Havel nun wieder naturnäher wird und wer davon alles profitiert. Was kann man mehr verlangen von einer Radtour, als dass sie von Blumen gesäumt ist und mit guten Nachrichten endet?


Informationen

Die Buga dauert bis zum 11.10.2015, tgl. 9-19 Uhr (Oktober bis 18 Uhr);
Tickets für alle fünf Orte: 20 € (bei Vorlage des Bahntickets: 18 €), für einen Ort: 12 €, unter 18 Jahre: 2 €, Dauerkarte: 45 €.

Info-Tel.: 03381-797 2015
www.buga-2015-havelregion.de (GPS-Track zum Download)

Fahrradverleihstation Bhf. Glöwen/Rathenow = bugabike.de

Rückreise von Havelberg z. B. über Glöwen (8 km) oder
über Wittenberge (30 km), jeweils Anschluss an den RE2.
Alternativ auf dem Havelradweg zurück (Bikeline-Spiralo
dazu im Verlag Esterbauer).

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https://berlin.adfc.de/artikel/garten-fuer-die-harten

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 200.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer*in achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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