Friedrichstraße autofrei mit Lastenrad

Friedrichstraße autofrei © ADFC Berlin / Carolina Mazza

Die autofreie Stadt

 

Paris, New York und Stockholm fangen an, die Stadt neu zu denken. In Berlin fragen wir uns: Brauchen wir wirklich all die privaten Autos in der Stadt? Oder: Wie werden wir sie wieder los? Von Lisa Feitsch.

 

Fahrtwind im Gesicht, ein Lächeln für den Menschen mit der Topfpflanze im Lastenrad und ankommen, wo und wann man will. Man riecht die frischen Brötchen (oder den Döner) aus dem Kiezladen ums Eck, sieht die beiden Hunde rechts auf dem Gehweg, die sich freudig beschnuppern und hört, ob Vögel zwitschern oder Sirenen heulen. Wer mit dem Rad unterwegs ist, bewegt sich auf eine besondere Art durch die Stadt, nimmt Umgebung und Mitmenschen ganz persönlich wahr.

Wer hingegen im Auto sitzt, sieht und hört all das nicht – und oft leider noch viel weniger. Ein hohes Unfallrisiko durch den motorisierten Verkehr, klimaschädliche Abgase, Lärmbelästigung und schlechte Luft betreffen nicht den Einzelnen am Steuer, sondern uns alle. Und auch die durch diese Effekte entstehenden externen Kosten trägt die Allgemeinheit, nicht der Einzelne. Jedes private Auto steht im Durchschnitt mehr als 23 Stunden pro Tag still (Mobilität in Deutschland, 2019) – meist im öffentlichen Raum, den wir alle als Gesellschaft fast kostenlos zur Verfügung stellen. Das eigene Sofa hingegen dürfte nicht einfach draußen abgestellt werden.

Ob ich mich in meine Regenhose und aufs Rad werfe oder heute mal die S-Bahn nehme, ist eine individuelle Entscheidung. Laufe ich gemütlich mit den Kindern auf ihren Tretrollern oder fahre ich heute mit dem Lastenrad, betrifft dies nur die Kinder und mich. Lege ich meine alltäglichen Wege mit dem Auto zurück und stelle es in der Stadt ab, betrifft es uns jedoch alle. Derzeit verzeichnet Berlin rund 1,22 Millionen Pkw. Neuzulassungen steigen. Schaffe ich mir heute in Berlin ein Auto an, ist das eine Entscheidung, die Auswirkungen auf uns alle hat.

Ob Paris, New York oder Seoul – wo einst Autos rasten, flanieren jetzt Menschen. Ob London, Bogotá oder Stockholm – sie alle denken die Stadt neu und erproben den autofreien Raum in der Stadt. In Barcelona, Oslo oder Helsinki werden Autos konsequent in ihre Schranken gewiesen, um mehr Platz für Menschen zu Fuß und Radfahrende zu schaffen. Die Menschen in den Städten entscheiden sich damit nicht einfach für „weniger Autoverkehr“, sie entscheiden sich gleichzeitig für mehr Sicherheit, mehr Lebensqualität, mehr Platz und mehr Wohlbefinden für ihre Bewohner*innen. Sie entscheiden sich für die lebenswerte Stadt.
In Berlin können die Menschen auf der Friedrichstraße in Mitte testen, wie sich ein Stückchen autofreier Stadt(t)raum anfühlt. Ein Straßenzug, temporär, eventuell mit Verlängerung in den Herbst. Der Mobilitätsforscher Andreas Knie sagt: „Berlin könnte ein Erprobungsraum für neue Formen der Mobilität werden – und damit weltweites Vorbild. Ich behaupte, dass zwei Drittel der Berliner da mitmachen würden. Der harte Kern der Auto-Fans wird langsam aussterben.“ Das Zitat stammt aus dem Sommer 2018 und ist ungefähr gleich alt wie das Berliner Mobilitätsgesetz. Für beides gilt: guter Ausgangspunkt, noch Luft nach oben.

Rund die Hälfte aller mit dem Auto zurückgelegten Wege ist kürzer als fünf Kilometer, 25 Prozent sind sogar kürzer als zwei (Mobilität in Deutschland, 2019). Mit einer Neuorganisation des städtischen Verkehrs, einem guten, flächendeckenden Radnetz, ÖPNV-Ausbau, City-Hubs mit Lastenrad-Transporten, weniger Parkplätzen im öffentlichen Raum und deutlich höheren Parkgebühren können die Menschen umsteigen, kann der motorisierte Verkehr zurückgedrängt werden – kann Platz für die lebenswerte Stadt entstehen.
Noch wird der Wohnraum immer knapper und teurer, noch mangelt es an Kitas und Schulen mit Spielplätzen oder Gärten. Noch zeigen Hitzesommer, wie dringend es mehr Bäume und Bodenentsiegelung in der Stadt braucht. Noch macht uns gerade die Corona-Pandemie überdeutlich: Wer sich in der Stadt bewegen will, und sei es nur mal zum Spazierengehen, hat kaum Raum dafür. Noch fragen wir uns: Woher kommt der benötigte Platz?

Und dann sagt Knie noch eines: „Ich bin mir sicher – nicht mehr lange, dann werden wir uns in die Augen schauen und uns fragen: Hatten wir wirklich mal eigene Autos? Wie absurd!“

Auch in Berlin müssen wir wohl anfangen, die Stadt völlig neu zu denken.

 

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https://berlin.adfc.de/artikel/die-autofreie-stadt

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

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    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 200.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer*in achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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