Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Landesverband Berlin e. V.

Früher nur für Hartgesottene, jetzt für alle: Die Hermannstraße

Früher nur für Hartgesottene, jetzt für alle: Die Hermannstraße © ADFC Berlin / Lisa Feitsch

Dem Gegenwind standhalten – Neukölln bleibt stabil

Neukölln steckt voller Widersprüche, sagt man. Für den Radverkehr heißt das: Engagierter Stadtrat trifft auf Senat mit Radwegestopp, Planungen treffen auf Kürzungen. Was sagen die Menschen im Bezirk dazu? Von Lisa Feitsch.

„Streckenweise gibt es dann einen Fahrradstreifen, Hermannstraße bis Boddinstraße zum Beispiel, da kann man durch die Poller super fahren, und dann hört der plötzlich auf und ich muss mit meinem Kind aber trotzdem weiterfahren“, Johanna schließt den Helm unter ihrem Kinn. Dann dreht sie sich um und hebt ihr Kind in den Kinderfahrradsitz, stellt die kleinen Füßchen in die Fußstützen und setzt ihm einen winzigen Fahrradhelm auf, knallblau. Ihr Kind strahlt. Johanna ist eine der jungen Mütter in Neukölln-Nord, die aufgrund ihrer Sorgearbeit mehr Wegekeeen zurücklegen. „Meine Tochter zur Kita bringen, sie abholen, zusammen zum Einkaufen, Alltagserledigungen machen, zu Verabredungen oder zum Spielplatz“, so beschreibt sie das. Dafür nutzt sie ihr Fahrrad, und ergänzt: „Ich könnte das auch zu Fuß mit dem Buggy machen, aber das frisst viel Zeit, und auch die Geduld von meinem Kind, also noch ein Stressfaktor. Entspannter ist es, wenn es schnell und unkompliziert mit dem Rad geht.“ Wer mehr Wegeketten zurücklegt, erklärt beispielsweise das Netzwerk Women in Mobility, ist umso dringender auf engmaschige Fuß- und Radwege angewiesen, sprich auf ein gutes Fuß- und Radwegenetz.

Kita- und Schulwege mitdenken

„Nehmen wir etwa nur die Schulwege“, Andreas Lindner atmet hörbar aus. Gemeinsam mit der ADFC-Stadtteilgruppe Neukölln setzt er sich seit mehr als 20 Jahren für bessere Bedingungen für den Radverkehr im Bezirk ein, organisiert regelmäßige bezirkliche Radtouren für den Ausschuss Verkehr und Tiefbau, um auf die nötigen Verbesserungen hinzuweisen. „Der Zustand ist erschüeernd,“ erklärt er am Telefon. „Schulwege müssen mitgedacht werden. Ich meine, da werden Schulen geplant und gebaut – das dauert doch mindestens fünf Jahre – und hinterher fragt man sich, wie kommen die Kinder eigentlich zur Schule? Und die Ampel steht immer noch nicht da. Da ist das sprichwörtliche Kind schon in den Brunnen gefallen.“ Er benennt problematische Situationen aufgrund fehlender Querungen, fehlender Markierungen, und berichtet von Tempo 50 im Umfeld von neuen Schulen. Schnell wird auch hier klar, es fehlt das Netz, fehlt die allgemeine Entschleunigung durch Tempo 30 als Regel.

"Die Wirkung kommt am Ende allen zugute"

Auch in Neukölln ist fast jeder Weg Kita- oder Schulweg. „Die Wirkung kommt am Ende allen zugute“, beschreibt es Bezirksstadtrat Jochen Biedermann selbst, wenn er im radzeit-Interview über Maßnahmen für Schulwegsicherheit spricht. Wenn die Jüngsten vor Autos auf Gehwegen geschützt werden, profitieren auch ältere Menschen von einem sicheren Durchkommen. Dann listet er auf, wo der Bezirk überall dran ist: Nebennetz, Fahrradstraßen, Kiezblocks. „Das muss man unserem Verkehrsstadtrat zu Gute halten“, sagt Andreas dazu, „es wird viel getan, doch der Senat kürzt die Mittel“. So wie die vom Bezirk vorgesehene Ampel an der Rudower Schule, die vom Senat eingespart wurde. Und hier liegt wohl des Pudels Kern. Denn während im Bezirk fleißig für den Fuß- und Radverkehr gearbeitet wird, tut der Senat das Gegenteil, lässt Radwege zurückbauen und Tempo 30-Schilder abbauen – und ignoriert nebenbei auch das Radwegenetz für Hauptverkehrsstraßen, das gesetzlich im Radverkehrsplan verankert ist.

Kaputt oder nicht vorhanden

In Neukölln leben fast 330.000 Menschen. Der Bezirk ist durch den Stadtring geteilt, zieht sich im Süden bis nach Brandenburg. „Sobald man den Bereich um den Ring verlässt, wird es richtig schlimm“, sagen Juliane und Johannes einstimmig, Eltern eines Zehnmonatigen, wohnhaft in Britz – und unterwegs mit Rad und Kinderanhänger. Denn dort sind die Radwege "kaputt, oder gar nicht vorhanden". Die alten, schmalen Hochbordradwege sind eine „Katastrophe“, erklärt Juliane, „voller Wurzeln, viel zu schmal, zugeparkt und begleitet von der ständi gen Angst, dass der Anhänger vom Bordstein rutscht“. Richtig brenzlig wird es, wenn es gar keinen Radweg gibt. Es gibt Strecken, erklären die beiden, die sie absolut meiden, denn „da fahren die Pendler:innen mit Tempo 50 rein und wir müssten mit dem Kleinen im Hänger zusammen mit den Autos fahren“, ergänzt Johannes. Hinter den Ausfahrten der Stadtautobahn, schildert er, „brettern die Leute sogar unerlaubt mit Tempo 70 vorbei“. 

Die jungen Eltern wünschen sich geschützte Radwege, flächendeckend Tempo 30 in der Stadt, mehr Kontrollen und mehr Blitzer. Da kann sich auch Johanna anschließen, zum Beispiel um die neue Fahrradstraße Ilsenstraße herum, „jetzt fahren die ganzen Autos durch die Emser und die Altenbraker, oft zu schnell und rücksichtslos“. Viele Autofahrende fahren auch durch die Fahrradstraßen, zählt sie auf, nehmen ihr auf dem Rad die Vorfahrt, ignorieren Einbahnstraßen, die nur für Fahrradfahrende frei sind oder fahren mit Tempo 70 in einer 30er-Zone. „Ich halte immer alle Augen offen, mit Hand auf der Bremse, weil ich den anderen Verkehrsteilnehmenden nicht traue“, sagt sie. Gegen die Angst, dass ihr trotzdem jemand reinfährt, wünscht sie sich ebenfalls mehr Kontrollen, und mehr Poller.

Sich einbringen, dranbleiben, weitermachen

Ob lückenloses Radwegenetz oder Kontrolldichte: Vieles, was die Radfahrsituation im Bezirk verbessern würde, liegt in den Händen des Senats. Der kürzt munter weiter die Gelder für Verkehrssicherheit, streicht sogar fertig geplante Projekte und macht damit den Verkehrswende-willigen Bezirken wie Neukölln die Arbeit schwer. 

Was dagegen hilft: sich einbringen, dranbleiben, weitermachen. Andreas erzählt begeistert von den Kidical Mass-Kinderfahrraddemos, die der ADFC Neukölln zweimal jährlich gemeinsam mit vielen anderen Initiativen organisiert. Stadtrat Biedermann berichtet, wie wichtig der Rückhalt der Anwohner:innen bei der Entstehung der Kiezblocks war. Tempo 30-Anträge erhöhen den Druck auf den Senat. Mal eine positive Mail an die Mitarbeitenden im Bezirksamt, wünscht sich Biedermann, das motiviert, dem Gegenwind standzuhalten. Am Ende ist es auch der politische Wille des Senats, der ein konstruktives Weiterarbeiten in Neukölln ermöglicht – und den darf Berlin 2026 wieder neu wählen. 

Johannas Kind will sichtlich schon jetzt los. Strahlend greift es sich an den knallblauen Helm, stolz, bereit zum Losfahren. Was sich im Verkehr nach der Wahl ändern soll? „Dass die Fahrradwege einfach komplett ausgebaut werden“, sagt Johanna mit Nachdruck, dann schwingt sie sich aufs Rad und düst los.

Zum radzeit-Interview mit Stadtrat Jochen Biedermann geht es: hier 

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