
Der Uferweg folgt dem Oder-Spree-Kanal fast bis nach Berlin © ADFC Berlin / Stefan Jacobs
Wasser, Wüste, Wolfsbesuch
Eine Zweitagestour von Cottbus über durch die Lieberoser Heide nach Berlin kombiniert mehrere Brandenburger Highlights
mit Radelvergnügen vom Allerfeinsten. Von Stefan Jacobs
Oha, das muss aber ein Riesenhund gewesen sein! Die Abdrücke im Sand sind größer als Kinderhände. Sie führen den Pfad entlang, der sich in der Lieberoser Wüste verliert. Oder war es… EIN WOLF? Nachfrage mit Pfotenfoto bei Derk Ehlert, dem Wildtierexperten des Berliner Senats. „Nach meiner Auffassung sind das eindeutig Wolfstrittsiegel“, schreibt er zurück.
Dass dieser Radeltag gut werden würde, war schon nach dem Start in Cottbus zu spüren: Über den noch menschenleeren Altmarkt ging’s ans Spreeufer und über Flussauen aus der Stadt hinaus zum Ostsee, der in der Morgensonne glitzerte wie ein kleines Meer. Fast dreimal so groß wie der Müggelsee, vom Rest der Welt durch einen Zaun getrennt, weil die Ufer noch instabil sind. Neben dem Aussichtspunkt ist der Zufluss, durch den er bis 2024 vor allem mit Spreewasser geflutet worden ist. So wurde das Tagebauloch zum sommerlichen Verdunstungsturbo in Deutschlands trockenster Region. Aber perspektivisch auch zum Freizeitparadies. Der Radweg ist schon da. Wir folgen dem Ufer bis zum Ausguck auf der Nordseite, blinzeln noch mal über die Wellen und wenden uns nordwärts zum Mauster Kiessee, wo an diesem Märzmorgen nicht nur Gänse schnattern, sondern auch ein Trupp eiskalter Badefreunde. Müssen sie selber wissen.
Die Maustmühle liegt so idyllisch, dass man gleich einkehren könnte. Sie ist von den vor Jahrhunderten angelegten Peitzer Karpfenteichen umgeben. Als Beifang entstand ein Paradies für Wasservögel. Der Radweg führt mitten durch mit spektakulärem Blick auf die Kühltürme des Kraftwerks Jänschwalde, das einst auch die Braunkohle unter dem heutigen Ostsee verschlang und die viertgrößte CO2-Schleuder der EU war.
Das Bäckereicafé am Marktplatz von Peitz ist der letzte Verpflegungsstopp vor einer langen Durststrecke: Nachdem wir in Preilack die Landstraße verlassen haben, biegen wir auf den Heideradweg ein, der seit 2023 auf einer stillgelegten Bahntrasse durch die Lieberoser Heide führt. 23 schnurgerade Kilometer auf Premium-Asphalt durchs Wolfsrevier! Und mittendrin die größte Wüste Deutschlands. Die entstand durch einen Waldbrand 1942, nach dem zunächst die Waffen-SS und später die Rote Armee das Gelände okkupierte. Wo die Panzer fuhren, wuchs kein Halm.
Kaum ein Weg führt durch das munitionsverseuchte Gebiet, das auf wenige Meter an unseren Bahnradweg heranreicht. Um einen Blick auf die in der Sonne flirrende Wüste zu werfen, nehmen wir den einzigen nicht gesperrten Weg, der unser Asphaltband kreuzt: Hinter der Bahnhofsruine ein paar Meter nach links, bis sich die Kiefern lichten und den Blick über die fünf Quadrat-kilometer öffnen, auf denen Silbergras und Moose zwischen sporadischen Kiefern Pionierarbeit leisten. Seit 20 Jahren gehört die Wüste wie die ganze Lieberoser Heide der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, die sie zur Wildnis werden lässt.
Wie mag es nachts sein hier, wo die nächste Laterne eine Stunde Fußmarsch entfernt ist und die Wölfe unterm Sternenhimmel streifen? Schnell wieder rauf aufs Rad! In Jamlitz ist der Heideradweg unterbrochen; die Route schlägt einen Haken durch das abgelegene Dorf, in dem die Nazis ein KZ und die Russen ein Internierungslager betrieben. An beides erinnern Gedenkstätten.
Am alten Bahnhof treffen wir wieder auf den Heideradweg, passieren eine malerisch verrostete Dampflokpumpe und gelangen in hügeliges Gelände mit weitem Ausblick vom Damm. So könnte es ewig weitergehen. Aber hinter der Landkreisgrenze ist Schluss, sodass wir auf Schotter nach Weichensdorf rumpeln müssen. Von da folgen wir der Trasse in etwas Abstand auf einer ruhigen Landstraße bis nach Oelsen, wo der nächste 1A Radweg kreuzt. Der Lückenschluss sei nicht geplant, teilt der Landkreis LOS mit Verweis auf die passable Alternative mit. Die Straße ist angenehm zu fahren bis nach Krügersdorf, wo Brandenburgs dickste Eichen stehen.Ein Schild meldet 10,22 Meter Stammumfang anno 2014.
Der Radweg entlang der B246 nach Beeskow erweist sich als würdiger Abschluss dieses Fünf-Sterne-Radeltages. Nach 68 Kilometern kämen wir theoretisch mit dem Zug im Stundentakt zurück nach Berlin. Praktisch übernachten wir lieber in Beeskow, um am nächsten Tag komfortabel nach Berlin zu radeln: Der Oder-Spree-Weg führt zwischen Mirabellenhecken und Hirschgehegen nach Herzberg (Eisladen sowie Gasthaus mit Bett&Bike!). Von da lohnt ein Abstecher zum Wettermuseum Lindenberg; danach geht’s über Hügel flott bergab zum Scharmützelsee. Dessen steiles Ostufer bietet Blicke wie aus dem Prospekt. In Pieskow bilden der 2023 eröffnete Eisladen und der kleine Märchenwald gegenüber ein Paradies für Kinder jeden Alters.
In Bad Saarow hängt der Geruch von Geld in der Luft, aber die Bänke am See sind gratis. Der Anstieg nach Kolpien sowieso. Ein winziges Mittelgebirge, bevor es Richtung Markgrafpieske und Spreenhagen märkisch platt weitergeht.
Eine kleine Landstraße führt über die Spreewiesen nach Hartmannsdorf, wo wir von der Kreuzung 200 Meter zurückfahren bis zu Hollys Café. Die Blechkuchen, die die blinde Doris Hollnagel bäckt (Do-So 11-17 Uhr), wäreneine eigene Reise wert.
Mit vollem Bauch geht’s zurück zur Kreuzung, von der man wahlweise auf dem auch von Autos befahrenen Spreeradweg via Erkner nach Berlin käme. Oder man fährt südwärts bis zum Damm und „gravelt“ trendbewusst auf dem geschotterten Uferweg am Oder-Spree-Kanal entlang. Hier kann man Frühlingssonne tanken, den Birken beim Ergrünen zusehen und die Spiegelung des Waldes im glatten Wasser betrachten. Nur selten kratzt ein Schiff darin.
Ab der Wernsdorfer Schleuse geht es via Schmöckwitz zurück nach Berlin, am besten auf dem Dahme-Radweg zum S-Bahnhof Grünau. 74 Wohlfühlkilometer nach dem Start sind wir da.











