
Das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal in Leipzig ist das höchste in Europa © ADFC Berlin / Stefan Jacobs
Tourentipp: Ins Leipziger Neuseenland
Der Radweg Berlin-Leipzig hat Defizite. Umso schöner ist es im sächsischen Ex-Kohlerevier. Von Stefan Jacobs.
Wer Leipzig kennt, schwärmt: Famose Kultur, viel Grün, kurze Wege und buntes Miteinander statt blaubraunem Mainstream. Das Image des Radweges Berlin-Leipzig ist problematischer. Probieren wir's aus – und beschließen nach einem Blick in die Karte (es gibt ein Bikeline-Buch zum Weg und eine Umgebungskarte für Leipzig), lieber nicht in Berlin zu starten. Endloses B96-Getöse und radweglose Landstraßen bis zum Fläming müssen nicht sein.
Nehmen wir stattdessen den Zug nach Lutherstadt Wittenberg, wo wir nach einer Runde durchs herausgeputzte Welterbe neben der B2 die Elbe überqueren – laut, aber spektakulär, hoch über dem Fluss mit dem Stadtpanorama im Rücken. Knapp 100 Kilometer sind es von hier nach Leipzig.
Bald hinter der Elbe entfernt sich der Weg von der Bundesstraße und führt durchs zunächst platte Sachsen-Anhalt. Durch offenes Land geht es am herrlich klaren Bergwitzsee – einem in den 1960ern gefluteten Tagebauloch – vorbei nach Kemberg und hinein in hügelige Wälder. Die Landschaft ist ebenso abwechslungsreich wie der Belag, aber man kommt passabel und weitgehend autofrei voran. Weithin grüßt das Wasserschloss Reinharz mit seinem hohen Turm, und der Abstecher ins Zentrum von Bad Schmiedeberg mit seinem herausgeputzten Kurpark ist Pflicht.
Der Weg führt nun lange auf Naturbelag durch die Dübener Heide nach Bad Düben mit seiner kleinen, feinen Altstadt und der Burg am Ufer der Mulde. Der Blick von hier reicht weit übers platte Leipziger Tiefland, durch das es zwischen Feldern und Dörfern ohne große Highlights in die Großstadt geht. Der Weg Richtung Zentrum ist trotz Beschilderung nicht ganz leicht zu finden. Selbst getestete Abhilfe: Sobald man Karte oder Handy zückt und sich hilfesuchend umschaut, weist der nächstbeste Einheimische gern den Weg. Der führt überraschend grün und ruhig bis fast in die Leipziger City. Erst kurz vor dem imposanten Hauptbahnhof wird es großstadtgemäß anstrengend – inklusive vierspurigem Straßenbahnverkehr.
Leipzig lohnt natürlich rund ums Jahr einschließlich zur Weihnachtszeit, wenn die vielen Fußgängerpassagen und der Markt vor dem Alten Rathaus im Lichterglanz erstrahlen. Wir heben uns das Sightseeing fürs Ende der Tour auf und biegen hinter dem Neuen Rathaus wieder ab ins Grüne. Im Clara-Zetkin-Park am Elsterflutbecken tobt das leichte Leben: Scharen von Radler:innen teilen sich die Wege mit Spaziergänger:innen; man picknickt, plaudert und schaut den Paddler:innen auf dem Kanal zu. Im Mai inhaliert man auf dem Weg durch die Auwälder eine Überdosis Bärlauch. Großflächig blüht das würzig duftende Kraut als weiß gepunkteter Teppich unterm Dach aus Laubbäumen.
Entlang der Pleiße geht’s südwärts aus Leipzig hinaus ins Neuseenland. Im Braunkohlerevier von einst ist ein Ausflugsparadies entstanden, das immer noch wächst. Asphaltierte Wege folgen den Seeufern, die teils vom noch struppigen Tagebau-Folgewald gesäumt sind, teils von Sommerfrischen mit noblen Wohnhäusern und hübsch gelegenen Lokalen. Am Störmthaler See wurde ein komplettes Feriendorf hingemörtelt mit Hafen und Hotel „Lagovida“, das nicht nur vom Namen her südlichen Charme verströmt. Der Bootsverleih heißt „Vineta“, was nicht nur zur Einsamkeit ringsum passt, sondern auch zur schwimmenden Insel auf dem See, deren Aufsatz dem Kirchturm des vom Tagebau verschluckten Dorfs Magdeborn nachempfunden ist. Ein schöner Ort für melancholische Sonnenuntergangsbeobachtung.
Die 100 Kilometer lange, beschilderte „Neuseenland-Runde“ am nächsten Morgen beginnt unerwartet hübsch in Gestalt des Doppeldorfs Dreiskau-Muckern mit seinen alten Gehöften und Fachwerkhäusern. Hinter den Rapsfeldern thront dampfend das Kradwerk Lippendorf, das noch immer Kohle verschlingt, während das Pendant in Espenhain – einst Kraftquell und Dreckschleuder Nr. 1 der Region – schon abgeräumt ist.
Nebenan, am Hainer See, herrscht Campingidyll, während am Haselbacher See ein rumpliger Uferweg den Andrang limitiert. Die Gänse mit ihren Küken am stillen Strand wissen's zu schätzen.
Der Südzipfel der Neuseenland-Runde streift Thüringen, folgt dann einer Landstraße und einer Ex-Bahntrasse Richtung Weiße Elster nordwärts. Wie praktisch alles wurde auch der Fluss für den Kohleabbau verlegt. Jetzt bildet er zusammen mit der Pleiße den Zu- und Abfluss des durch Kanäle verbundenen Seenlandes, in dem nur wenige Orte ihren Platz und ihr Herz behielten. Der Zwenkauer See ist mit fast zehn Quadratkilometern der größte. Wo man bis 1990 lieber keine weiße Wäsche im Freien trocknen ließ, wohnt man jetzt am „Kap Zwenkau“ fast mediterran beiderseits des Bergbau-Ausstellungspavillons.
Der Radweg um den See bröselt, aber am nördlich gelegenen Cospudener fährt es sich wieder wunderbar. Zwischen gemütlich cruisenden Paaren und Familien jagen Rennradler:innen übers Asphaltband; Leipzig genießt seine neue Lage. Die überblickt man am besten von der Bistumshöhe neben dem Belantis-Freizeitpark: 180 Gitterroststufen führen auf den Turm, von dem aus Leipzig überraschend nahe wirkt. Gleich hinter dem anderen Seeufer reiht sich das Panorama aus geschwungenem Uni-Hochhaus, Knubbelturm des Neuen Rathauses, Panometer und dickem Völkerschlachtdenkmal am Horizont. Gute Aussichten für die Tour morgen, die von hier durch den Auwald ins bunte Connewitz und weiter ins coole Plagwitz und die geschäftige City führen soll – großenteils auf grünen Wegen und vielleicht gleich noch 40 Kilometer weiter entlang der Weißen Elster bis nach Halle, von wo man ebenso gut wieder wegkommt wie aus Leipzig.











