Oder-Spree-Tour: Im nahen Osten

 

Ein langes Wochenende genügt, um heilige Stätten und himmlische Natur zu erradeln. Text und Fotos von Stefan Jacobs.

 

Was macht die schwarz-gelbe Naturschutzeule auf dem Fahrradlenker? Sie weist den Weg entlang einer gut 250 Kilometer langen Runde vom Berliner Stadtrand zur polnischen Grenze und zurück.

Vom S-Bahnhof Erkner geht’s einen Kilometer durchs Städtchen, wo am Kreisverkehr die erste Eule grüßt. Der Radweg folgt der lauten Straße nach Grünheide – durch Wald, aber wegen des Verkehrs nicht gerade lauschig. Trösten kann man sich mit der Aussicht, dass der große Rest der Tour gemütlicher und die Qualität des Belags noch besser wird. In Kagel, also nach zwölf Kilometern und sechs (!) Seen, kehrt Ruhe ein.

 

Unter Robinien führt der Weg nach Kienbaum mit seinen Sportstätten, in denen die deutschen Olympioniken vieler Sportarten trainieren. Dann taucht der Weg wieder in die Wälder ein. Autofrei geht es bis nach Trebus, wo Nostalgiker eine DDR-Tankstelle nachgebaut und das Schild einer HO-Kaufhalle sowie ein Straßenkunstwerk gerettet haben, das nach der Wende von der Bölschestraße in Friedrichshagen abgeräumt worden war.

Diese Schmuckstücke stehen direkt am Rand des Weges, der gleich darauf den Trebuser See samt herrlicher Badewiese streift und weiter nach Fürstenwalde führt. Die im Krieg schwer getroffene Stadt ist keine Schönheit, aber der St. Marien-Dom lohnt einen Stopp. Von dem hatte der Krieg nur noch die Mauern ohne Turm und Dach übrig gelassen. Zu DDR-Zeiten begann die Sanierung, die bis 1995 dauerte und bei der ein verglastes Gemeindezentrum raffiniert ins alte Kirchenschiff integriert wurde. Und die 2005 fertig gewordene Orgel sei die größte in Brandenburg, erzählt der Aufpasser von der Gemeinde.

Bodenständigen Genuss gibt’s eine Ecke weiter im Gewölbekeller des Alten Rathauses. Dort zeigt neuerdings ein Brauerei-Museum alte Geschichten und Flaschenverschlüsse. Keine trockene Materie, zumal hier tatsächlich gebraut wird: 300 Hektoliter Fürstenwalder Rathausbräu im Jahr – für Gastronomie, Feste und Leute aus der Nachbarschaft, die mit Literflaschen zum Wiederbefüllen vorbeischauen. Drei Grundsorten braut Oliver Wittkopf rund ums Jahr, dazu Saisonware: Maibock, mildes Sommerbier, süßliches Roggen. Aber kein alkoholfreies, weil das technisch bei den kleinen Mengen kaum machbar wäre.

Deshalb erweist sich auch der Rest dieser Etappe als schwer machbar. Nicht, dass irgendwer betrunken wäre von der kleinen Probierrunde, keineswegs! Aber die Beine sind schwer auf der Weiterfahrt durch Berkenbrück, wo die letzte laute Landstraße des Tages abbiegt und das Asphaltband durch stillen Wald weiterführt zur Kersdorfer Schleuse. An der vereinigen sich die mäandernde Spree und der schnurgerade Oder-Spree-Kanal, der im 19. Jahrhundert für die Schifffahrt gegraben wurde. Eine Zeitlang verläuft der Radweg als Allee zwischen beiden Gewässern, bevor er wieder in den Wald eintaucht. Zwei uralte Eichen stehen würdevoll am Wegesrand, ansonsten geht es flott durch bis nach Müllrose.

Der Name des Ortes kommt aus dem Slawischen, lässt also keine Rückschlüsse auf seinen Charakter zu. Müllrose liegt hübsch: Vom Markt führt eine Promenade am großen See entlang; zwei kleinere liegen fußläufig im Stadtgebiet. Am Katharinensee ist nach 73 Kilometern unser Nachtquartier – mit Blick auf dümpelnde Ruderboote und das Schilf.

Ausgeruht starten wir am nächsten Morgen ostwärts, der Oder entgegen. Als ans weiter südlich gelegene Industriezentrum Eisenhüttenstadt (wohin der Oder-Spree-Kanal heute führt) noch nicht zu denken war, führte der Kanal auf kürzester Strecke von der Spree zur Oder. Seit dem 17. Jahrhundert gab es diese Wasserstraße, für deren Schleusenkammern und -tore die Eichen der Umgebung abgeholzt wurden. Jetzt sind nur noch Reste übrig: überwucherte Flussläufe und Tümpel sowie bröselnde Schleusen, die sich die Natur allmählich zurückholt.

Der Treidelpfad, von dem aus einst die Kähne gezogen wurden, ist jetzt ein Radweg durch kleinteilige grüne Landschaft. Die öffnet sich kurz vor der Oder und gibt den Blick übers platte Schwemmland bis nach Polen frei. Auf dem Deich geht es südwärts; links die Flussauen, rechts Felder und alte Baumreihen. Eine Kraftwerksruine signalisiert, dass wir uns der sozialistischen Mustermetropole Eisenhüttenstadt nähern.

Die überrascht Neulinge zunächst mit ihrem historischen Stadtteil Fürstenberg samt dicker Backsteinkirche am Oderhang. Ansonsten wirkt sie breit zerstreut und durchaus faszinierend, ohne schön zu sein. Bekanntestes Museum ist das Dokumentationszentrum der DDR-Alltagskultur, in dem Ostbesucher in Nostalgie schwelgen und Westgäste staunen können.

Der maximale Kontrast zeigt sich wenige Kilometer weiter, wo das Kloster Neuzelle mit seiner gelb-weißen Fassade und Zwiebelturm erstmals am Horizont erscheint. 1281 kamen die ersten Mönche hierher, 1817 mussten die letzten gehen. Bis 2018 der Neustart folgte – mit sechs Mönchen aus Österreich und dem Südwesten Deutschlands, die im überwiegend gottlosen, allenfalls leicht evangelischen Osten Brandenburgs ein katholisches Kloster neu gründeten. Im barocken Prunk wird unter Putten und Jesus‘ Leben als Bilderserie an der Decke sieben Mal am Tag gebetet und gesungen.

In einer strammen Tagesetappe hätten wir Neuzelle auch als Mittagsstopp abtun und gleich weiterfahren können nach Beeskow, aber die Zweitagesvariante – mit jeweils 50 Kilometern statt einmal 100 – erweist sich als die reizvollere: Abends sind die Touristenbusse weg, und als frühmorgens die Mönche in der völlig leeren Kirche ihre Terz singen, kann einem schon ein wenig feierlich zumute werden.

Gleich am Ortsausgang von Neuzelle geht es lange bergauf aus dem Odertal. Es bleibt hügelig. Durch kleine Dörfer und viel Wald erreichen wir das Schlaubetal, das bei Wanderern beliebt ist, aber sich auch wunderbar erradeln lässt. Die Wege folgen nicht dem Flüsschen, aber treffen immer mal wieder auf die Seen und Mühlen in seinem Verlauf. Im scheinbar endlosen Wald ist nur das eigene Schnaufen zu hören. So kommen viele Höhenmeter zusammen, die dank gutem Belag und morgens gepflückter Äpfel gut zu schaffen sind.

Kurz vor Beeskow wird es flacher. Das Städtchen wird von einer Kirche dominiert, deren Schicksal dem Fürstenwalder Dom ähnelt. Direkt nebenan fließt die Spree, die breit genug ist für Seerosenfelder und Bootsverleihe.

Die Schlussetappe führt zwischen alten Hecken am Gut Hirschaue vorbei, wo Bio-Wild auf Wiesen grast. Nächste Attraktion ist das Wettermuseum Lindenberg, das in einer modernen Ausstellung die Theorie erklärt und die Praxis mit dem täglichen Start eines Wetterballons pflegt.

Am Scharmützelsee berichtet der Fischer Oliver Kobelt von prächtigen Aalen, Zandern und Barschen, die den Hitzesommer 2018 wohl gut überstanden haben. Auch Maränen, die nur in besonders tiefen Seen leben, gebe es wieder.

Die Radroute führt in einigem Zickzack über die Dörfer Richtung Berlin; nicht immer ist sie hier autofrei. Gerade recht zur Kaffeezeit kommt „Holly’s Café“ in Hartmannsdorf. Die fast blinde Holly ist gerade am Gehen, aber natürlich packt sie schnell den Pflaumenkuchen noch mal aus, schneidet ein Riesenstück ab und reicht die Thermoskanne mit dem Kaffee: „Nimm dir und bleib ruhig sitzen, wenn ich los muss. Brauchst du ’ne Decke, damit’s gemütlicher ist?“ Es ist gemütlich, aber es ist eben auch Ende September, und in einer guten Stunde wird es dunkel. Genug Zeit, um zurück nach Erkner zu fahren: Nach 80 Kilometern sind wir sehr satt und sehr zufrieden wieder am S-Bahnhof.

Die Route ist nahezu komplett beschildert, aber eine Karte kann nicht schaden: „Seenland Oder-Spree“ (Pietruska-Verlag) erfasst die gesamte Strecke. Etwas genauer sind die Bikeline-Karten „Oderbruch/Barnimer Land“ und „Spreewald“, in denen die Tour ebenfalls markiert ist. Unter www.seenland-os.de wird die Route beschrieben, als Pauschalreise angeboten, in einer Karte gezeigt und als kml-Datei zum Download bereitgestellt.

Die Online-Adressen der genutzten Quartiere:
Müllrose: www.haus-katharinensee.de
Neuzelle: www.hotel-prinz-albrecht.de
Beeskow: www.gutshaus-beeskow.de

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Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 200.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

    Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür – auch Dank Ihrer Mitgliedschaft – nicht nur Einfluß auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrern ein. Für Sie hat die ADFC Mitgliedskarte aber nicht nur den Vorteil, dass wir uns für einen sicheren und komfortablen Radverkehr einsetzen: Sie können egal, wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die AFDC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem zweimonatlich erscheinenden ADFC-Magazin Information rund um alles, was Sie als Radfahrer politisch, technisch und im Alltag bewegt. Zählen können ADFC-Mitglieder außerdem auf besonders vorteilhafte Sonderkonditionen, die wir mit Mietrad- und Carsharing-Anbietern sowie Versicherern und Ökostrom-Anbietern ausgehandelt haben. Sie sind noch kein Mitglied?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer*in achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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