Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Landesverband Berlin e. V.

Die ADFC-Sternfahrt: 50 Jahre Protestgeschichte

Die ADFC-Sternfahrt: 50 Jahre Protestgeschichte © ADFC Berlin: Dirk Deckbar, Daniel Pepper

Die Sternfahrt: 50 Jahre Protestgeschichte

Zehntausende Menschen protestieren bei der ADFC-Sternfahrt jedes Jahr für eine lebenswerte Stadt. Die Fahrradsternfahrt zeigt: Die Berliner:innen wollen die Verkehrswende! Am 7. Juni 2026 ruft der ADFC Berlin zur 50. Sternfahrt auf.

Der Protest ist so aktuell wie vor 50 Jahren – ein Blick zurück und nach vorne. Von Marlene Alber.

„Stop dem Autobahnbau - Sternfahrt zum Tiergarten mit Fahrrädern!“ – aktueller könnte der Aufruf zur ersten Sternfahrt heute kaum klingen. Im Juni 1977 rief die Bürgerinitiative Westtangente gegen den Bau einer Autobahn durch Westberlin zu einer Fahrraddemo auf. Von Schöneberg bis Wedding sollte eine Autobahn auf Kosten der Lebensqualität durch Westberlin gebaut werden. Mit elf Routen markierte die erste Fahrradsternfahrt den Beginn von 50 Jahren Protestgeschichte für die lebenswerte Stadt und umwelt- und menschenzentrierte Verkehrspolitik. Es waren die Siebziger in Westberlin: Der revolutionäre Geist der 68er atmete nach, langhaarige Kriegsdienstverweigerer radelten durch Westberlin auf Fahrrädern, die heute als kultige Retro-Räder verkauft werden. Die Umweltbewegung entstand und mit ihr wichtige Akteure der Nachhaltigkeit, darunter 1979 der ADFC als Stimme für den Radverkehr und für nachhaltige Mobilität und Stadtentwicklung. Seit 1993 organisiert der Berliner ADFC die Fahrradsternfahrt, bei der die Berliner:innen neben kollektivem Widerstand auch genüssliches Radfahren mit genügend Platz erleben.

So viele Menschen auf dem Fahrrad: Wir sind der Verkehr!

Die Sternfahrt verwandelt Berlin jährlich in das ersehnte Fahrradnetz. Von überall in der Stadt sind vielspurige Straßen frei von Autos, offen für das Fahrrad. Besonders symbolisch ist die jährliche Fahrt auf der Autobahn. Wo sonst mit 100 km/h gerast wird und ein Fahrrad zum Polizeigroßeinsatz führen würde, entsteht einmal im Jahr ein Radweg für Zehntausende. Bei der Sternfahrt verbindet sich Protest mit dem Gefühl von Freiheit und Gemeinschaft. SuSanne Grittner, Vorständin des ADFC, erzählt von einer Begenung: „Eine Dame, weit über 80 Jahre alt, sprach mich an. Sie sei unsicher gewesen, ob sie genug Kraft für ihre erste Fahrradsternfahrt hätte. Daher sei sie bei der Kinderroute mitgefahren. Es hat ihr so gut gefallen, dass sie im kommenden Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein wollte – dann auf der Autobahn!“ Zum ersten Mal hört SuSanne Grittner von der Fahrradsternfahrt aus Berichten in der Abendschau. Nach dem Mauerfall fährt sie zum ersten Mal selbst mit und ist ab 1998 eine der Personen, die die Sternfahrt ermöglichen. Hunderte engagierte Menschen helfen jedes Jahr als Ordner:innen, damit die Tausenden Menschen reibungslos durch die Stadt radeln können. Viel Arbeit, aber das ist es wert: „Die Fahrradsternfahrt in Berlin und Brandenburg ist die tollste Fahrraddemonstration, die ich kenne. Dass ich sie mitorganisieren darf, macht mich stolz. Die freudestrahlenden Gesichter sind der höchste Lohn für die viele Arbeit,“ sagt Grittner.

Wir sind nicht (nur) zum Spaß hier.

Der Rückblick auf 50 Jahre Sternfahrt macht auch nachdenklich: Nach 50 Jahren müssen die Berliner:innen immer noch gegen den Bau einer Autobahn kämpfen, deren Schneise die Stadt zerschneiden und Menschen und Natur verdrängen wird. Die fahrradbegeisterten Vorreiter:innen von 1977 hofften vermutlich auf schnellere Entwicklung zu nachhaltiger Verkehrspolitik und Stadtentwicklung. „Die Fahrradsternfahrt bündelt Forderungen der Bürger:innen für eine menschengerechte Stadtentwicklung und bringt ihren Protest auf die Straßen, seit dem Mauerfall nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg“ sagt SuSanne Grittner. Es gab Jahre, in denen gefeiert wurde: 2016 wurden alleine auf der Sternfahrt 15.000 Unterschriften für den Berliner Radentscheid gesammelt. Mit dem Mobilitätsgesetz schien ab 2018 Vieles für den Radverkehr erreicht. Doch der Abwehrkampf der autozentrierten Gesellschaft ist erbittert. Weiterhin muss jede Verbesserung für den Radverkehr hart erstritten werden. Die Bundesregierung hält weiter an einem Bundesverkehrswegeplan fest, der neue Autobahnen für Berlin vorsieht, und die Berliner Verkehrssenatorin macht mit dem Rückbau von Radwegen Schlagzeilen.

Die Zukunft der ADFC-Sternfahrt

Wie wird die Sternfahrt in 10, 20 und 50 Jahren aussehen? Die Hälfte der Berliner:innen fährt regelmäßig Fahrrad auf immer längeren Strecken, daneben bleibt Berlin eine Stadt des Gehens und des öffentlichen Verkehrs. Die Verkehrswissenschaft ist sich einig: mehr Autoverkehr in Berlin hilft am wenigsten den Autofahrenden selbst. Sicherer Radverkehr entlastet alle und gerade diejenigen, die wirklich aufs Auto angewiesen sind. Die Verkehrswende setzt sich trotz konservativer Gegenkräfte international durch. Mit der rückwärtsgewandten Verkehrspolitik steht Berlin alleine zwischen europäischen Metropolen, die konsequente Maßnahmen für Klimaschutz, Klimaanpassung und Verkehrssicherheit umsetzen. Vielleicht wird die Sternfahrt in 50 Jahren eine historische Spaß- und Gedenkfahrt durch ein begrüntes, sicheres und menschenfreundliches Berlin sein, in dem das Mobilitätsgesetz seit Jahrzehnten weiterentwickelter Standard ist. Die Sternfahrt könnte ein Anlass werden, bei dem Kinder aus Erzählungen hören, dass Städte als historischer Irrweg einst für Autos statt für Menschen geplant wurden. Sie könnten sich gruseln bei der Vorstellung, dass Menschen im düsteren Früher vereinzelt in übergroßen Blechmaschinen durch die Gegend fuhren, statt auf dem Fahrrad im Fahrtwind zu plaudern. Doch so weit sind wir noch nicht. Die nächste ADFC-Sternfahrt steht in den Startlöchern.

Mit der 50. Sternfahrt am Sonntag, den 7. Juni 2026 setzen wir ein Zeichen auf dem Fahrrad - sei dabei!

 

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